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5.3. Das Engagement der Rochlitzer Frauen – erste Hilfe zur Selbsthilfe?
Es gab wohl kaum einen anderen Rochlitzer Verein als den Frauenverein zu Rochlitz, der seit Mitte des 19.
Jahrhunderts mit großer Regelmäßigkeit in unserem Tageblatt auf sich aufmerksam machte und über den es dennoch keine schlüssigen Akten aus dieser Zeit im Wechselburger Archiv gibt. Erst eine Quelle nach der
Jahrhundertwende enthält die Statuten und Schriftverkehr zum christlichen Frauenverein. Auch meine Bitte an die Rochlitzer “Ureinwohner” über unsere heutige Freie Presse und eine Standtafel im “Rochlitz-TV”
mich bei der Suche nach Materialien und Bildern zu diesem Verein zu unterstützen, hatte wenig Erfolg. Dabei ist für mich etwas unverständlich, daß eine Organisation dieser Zeit mit bis zu 250 Mitgliedern keine
sichtbaren Spuren in den Familienarchiven und -chroniken oder Bildersammlungen hinterlassen haben soll.
Für eine Suche im Kirchenarchiv blieb mir allerdings keine Zeit mehr, so daß ich mich auf den rührigen
Schriftführer des Vereins, Herrn Archidiakon Köhler, berufen muß, der in zunehmend größeren Artikeln über die Rochlitzer Frauen und ihre Wohltätigkeit berichtete.
In den “Revidierten Statuten des Frauenvereins zu Rochlitz”, die leider kein Datum tragen und von denen ich
aber annehme, daß sie in dieser Form auch handschriftlich aus dem Gründungsjahr 1857 irgendwo vorliegen, bestimmte der § 1. den Zweck des Vereins. (Anlage Nr. 53)
“Der Frauenverein zu Rochlitz hat den Zweck, unverschuldete und vorzüglich verschämte Arme und Kranke zu unterstützen und zwar durch Geld oder durch Darreichung anderer Gaben.” (A53, S.6)
Den Jahresberichten Köhlers zufolge (Anlage Nr. 54), hatten sich die Mitglieder des Vereins mit großer Einsatzbereitschaft dieser Aufgabe verschrieben.
“Die Unterstützungen, welche der Verein gewährte, wurden theils in Geld, theils in Speisen, theils in Holz
verabreicht. Auch konnte wieder in beiden Jahren einer größeren Anzahl Armer und Schwacher eine kleine Weihnachtsfreude bereitet werden, sowie für diejenigen Kinder, welche die Nähschule des Frauenvereins
besuchen, eine Christbescheerung veranstaltet wurde. Der Verein zählte in den beiden letztverflossenen Jahren nie unter 250 Mitglieder, deren einige auch außerhalb Rochlitz wohnen. Vorzüglich durch die
monatlichen Beiträge derselben gewann der Verein die Mittel zu den von ihm gewährten Spenden.” schrieb der Archidiakon 1867. (A54, S.5)
Köhler weist in seinen Artikeln immer wieder auf einige grundsätzliche Bezüge der Vereinsarbeit hin und so
“fand der Verein vielfache Gelegenheit, seine Thätigkeit zu entfalten”. Gemeint war, daß es an einem breiten Feld zu Unterstützender nicht mangelte. “Fehlte es doch nicht an Kranken und Schwachen, für welche durch
die Theilnahme des Vereins manche Stunde zu einer Stunde der Erhebung und der Freude geworden ist.” (A54, S.5)
Dies wurde mit dem Bericht nach den Deutsch-Französischen Auseinandersetzungen noch einmal besonders unterlegt. “Es
waren gerade diese beiden Jahre in mehrfacher Beziehung schwere Jahre und manche Familie auch in unsrer Stadt empfand
den Druck der Zeit, wie dieser in Kriegsjahren hervorzutreten pflegt, in schmerzlicher Weise. Vor Allem aber wurde die
Noth fühlbar während des Winters vom Jahre 1870 zu 1871. Viele Alte und Schwache in mittellosen Familien warf die
Härte des Winters auf das Krankenlager und viele sonst fleißige Hände mußten in den Frühlingsmonaten des Jahres 1871
länger, als es in anderen Jahren der Fall ist, feiern, weil bei der erst spät wiederkehrenden Frühlingswärme, die Feldarbeiten erst spät beginnen konnten.” (A54, S.10)
Modern würde man sagen, es gab ein großes Klientel, worum sich der Verein über einen langen Zeitraum hinweg sorgen konnte.
Eine zweite Angelegenheit, die Köhler immer wieder herausstellt, ist die Unterstützung durch die städtischen Behörden und
schulischen Einrichtungen. Auf die Zusammenarbeit der Vereine mit der Kommune, wie sie heute in unserer Stadt gängig ist, waren die Frauen auch damals schon angewiesen.
“Durch das Wohlwollen des hiesigen Stadtraths wie des hiesigen Schulvorstands wurden dem Vereine die erforderlichen
Locale sowohl zu seinen öffentlichen Versammlungen, deren jährlich 13 gehalten werden, sowie für die Nähschule gewährt
und im Winter geheizt. Gleichwie der Verein sich deshalb gegen beide Collegien zu innigen Dank verpflichtet fühlt, eben so
spricht er seinen Dank aus für die unentgeltliche Veröffentlichung seiner Bekanntmachungen in diesem Blatte.” (A54, S.9)
Auf ein drittes Attribut waren die Vereinsmitglieder besonders stolz, auf die von ihnen eingerichtete Nähschule. Sind hier
nicht auch erste Ansätze für eine praktische Lebenshilfe erkennbar, die sich eben nicht nur in der Übergabe von Geld oder Lebensmitteln ausdrückt?
“Die seit dem Jahre 1860 bestehende Nähschule des Vereins, für deren Forterhaltung jetzt ein Fond von ohngefähr 146
Thalern vorhanden ist und in welcher bereits 126 arme Schulmädchen im Weißnähen und Wäschezeichnen unterrichtet
worden sind, hat auch in diesen beiden Jahren unter Leitung der ihr vorgesetzten Lehrerin sowie unter zeitweiliger freiwilliger
Mitwirkung einzelner Freundinnen dieser Anstalt ihren ungestörten Fortgang gefunden.” (A54, S.5) “...Manche Schülerin
nahm durch die darin gewonnene Geschicklichkeit bei ihrem Austritte aus der Schule gewiß eine recht dankenswerthe Gabe mit in ihr ferneres Leben.” (A54, S.3)
Fortan konnten auch die Berichte, so der von 1868, umfangreicher gestaltet werden. “Die Grenzen seiner Thätigkeit sind ihm
(dem Frauenverein, d. Verf.) durch seine Statuten vorgezeichnet. In denselben ist jedoch noch nicht der Nähschule gedacht,
welche der Verein im Jahre 1860 begründet hat und in welcher jährlich 20 arme, der Confirmation nahestehende Mädchen,
wöchentlich an 2 Nachmittagen unentgeltlich im Weißnähen und Wäschezeichnen von einer dazu bestellten Lehrerin unterrichtet werden. Vorzugsweise zu diesem Zwecke ist ein Fond von 146 Thlr. – Ngr. 8Pf. Vorhanden, welcher bei der
hiesigen Sparcasse eingelegt ist. Da doch die Zinsen für diesen Betrag nur den kleinsten Theil des Aufwands für diese
Nähschule decken, so deckt der Verein das Fehlende durch seine Mittel; er fühlt sich aber zu dem wärmsten Dank dafür
verpflichtet, daß ihm zu diesem Zwecke ein geheiztes Schullocal wohlwollend überlassen wird. – Mehr als 140 Mädchen
sind bereits in dieser Nähschule so weit gefördert worden, daß sie selbständig Hemden nähen und ihre Wäsche zeichnen können und haben sich so eine für ihr ferneres Leben unentbehrliche Fertigkeit zu eigen gemacht.” (A54, S.6)
So hatten diese Mädchen, wenn sie auch wenig finanzielle Mittel für Ausbildung oder gar Beruf einsetzen konnten, den
Vorteil, sich mit praktischen Erfahrungen bei den hiesigen Textilfabriken oder bei wohlhabenden Familien als Haushaltshilfe
oder Näherin bewerben zu können. Oftmals mußten sie ja sowieso schon mitarbeiten. Aber diese Mädchen hatten neben
wöchentlich ein paar Stunden Abwechslung vom Familienalltag, einen kleinen praktischen Vorzug, der der Hilfe des Vereins zu danken war.
Die Gottgefälligkeit einen Armen zu unterstützen, der ich mich im Kapitel 4.1. widmete, können wir an besonders vielen
Stellen der Köhlerschen Jahresberichte nachweisen. Stellvertretend dafür sei sein Rückblick auf das 10-jährige Bestehen des
Vereins genannt, wo er 1868 schreibt: “Herzen, welche den Drang empfanden, die Noth schwer heimgesuchter Brüder und
Schwestern zu mildern, hatten einst im vertrauensvollen Aufblick zu Gott ihn begründet und die rege Theilnahme, welche
dieser Verein gefunden, bezeugt es am deutlichsten, daß es unter den Frauen unsrer Stadt nicht an solchen fehle, welche gern
zu helfen bereit sind und denen es Herzenssache ist, im Verein mit Anderen das zu vollbringen, was die Kraft Einzelner
übersteigt. – Manches Herz, welches die Zwecke des Vereins eifrig förderte, hat bereits aufgehört zu schlagen und in einem
schöneren Lande für das, was es hier an einem der Geringsten gethan, die Vergeltung gefunden; manches Auge, was über
das Gedeihen des Vereins mit Treue gewacht, hat sich für immer geschlossen; manche Hand, die eifrig mitgesammelt, ist
längst schon erstarrt; aber Andere sind an ihre Stelle getreten, um das Liebeswerk fortzutreiben; jedes der 10 Jahre, welche
seit Begründung des hiesigen Frauenvereins verflossen sind, bezeugt es aber auch, daß Gott auf dem Werke dieses Vereins seinen ganz besonderen Segen ruhen läßt.” (A54, S.6)
Da ich in der Akte Nr. 3653 KA Wbg. zum Frauenverein von 1913-1927 die Satzung des Landesverbandes für christlichen
Frauendienst in Sachsen (eingetragener Verein) vom Mai 1911 fand, ist anzunehmen, daß der Rochlitzer Frauenverein über die Jahrhundertwende hinaus bestand und sich dann auch diesem Frauendienst anschloß.

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