4.1.

4.1. Die "Gottgefälligkeit", einen Armen zu unterstützen

 

Schon seit dem Mittelalter spielte das Almosen die bedeutendste Rolle sozialer Hilfeleistung. Seine Vergabe war Bestandteil der Kirchenlehre. Dabei gab es einmal den direkten Kontakt zwischen Almosengeber und Almosenempfänger aber auch die Spende an wohltätige Stiftungen und Vermächtnisse. Es war gottgefällig, wenn wohlhabende Bürger zu Lebzeiten sowie im Todesfalle, Teile oder auch ihr gesamtes Vermögen für wohltätige Zwecke spendeten oder stifteten. Dabei wurde als “Seelengerät” bezeichnet, was der “Beförderung des Seelenheils der Spender, denen für ihre Mildtätigkeit himmlischer Lohn winkt”, diente. (vgl. Sachße, 1980, S. 29) Es ging also nicht vordergründig um die optimale Versorgung der Armen, denn die Spende konnte auch für Kirchenbauten und Klöster verwendet werden. Empfänger waren immer die Kirche und kirchliche Einrichtungen, die auch die Verteilung vornahmen, wobei trotz “der überlieferten großzügigen Spendenbereitschaft keineswegs auf hinlängliche, bedürfnisgerechte Unterstützung der Armen geschlossen werden darf”. (S.29) Darüber hinaus wurden die verschiedensten kirchlichen Feiertage, »Anniversare« zum Anlaß genommen, seine Mildtätigkeit beweisen zu können.

Die Stadt Rochlitz ist reich an Armenakten, die einen sehr guten Einblick in das Armenwesen der vergangenen Jahrhunderte bieten. So findet man in der sonst handschriftlich geführten Akte des Jahres 1772 zwei Druckschriften, die das oben erwähnte etwas mehr verdeutlichen.

In einem »Avertissement« (Anlage Nr. 2) wurde die Not beschrieben, die nun auch die “Gränzen überschritten, und verschiedene sonst nahrhafte Manufacturorte der Aemter Rochlitz und Colditz mit gleicher Heftigkeit erreichet” hatte. In eindrucksvollen Worten wurde an “die nicht zu ermüdende Wohlthätigkeit so vieler edelgesinnter Armenfreunde” appelliert, sich “durch ihre großmüthige Gutthätigkeit in dieser allgemeinen Noth” wie die Herren Freymaurer im Erzgebirge auszuzeichnen und für eine Schul- und Versorgungs-Anstalt armer Kinder einzutreten.

Die Beschreibung des “mannichfaltigen Jammers” war sehr eindringlich und sollte gewollt unter des braven Christenmenschen Haut gehen. “Der bey Fleiß und saurer Arbeit alt gewordene Greis, verschmachtet ohne Erquickung seines Alters, selbst bey der ihm vom bettelnden Enkel noch gereichten harten Rinde. Der Mann in den besten Jahren, vor wenigen Monaten noch voll Begierde sich seiner Hände Arbeit zu nähren, jetzt ohne Verdienst und ohne Hülfe, schleicht schwankend am Stabe, vor seine Handthierung, vor seine Familie, vor sich selbst verlohren von Thüre zu Thüre, und nähert sich fahl und geschwollen dem langsam sich öffnenden Grabe unvermeidlich zu.

Die erwachsene Jugend ist lehr- und dienstloß; ohne Trieb zur Arbeit, bey welcher auch der ämsigste sich nicht mehr für dem Hunger schützen kann, sieht sie sich zu zügelloßen Herumstreifen verleitet, und alle eingepflanzte Neigung zum Guten erstickt nach und nach in ihr. Die unschuldigen Kinder, sonst die Hoffnung, jetzt die nagendste Sorge rechtschaffener Eltern, und unter ihnen die Menge derer vom Elende vater- und mutterloß gemachter Waisen; dieser zarte Anwuchs künftiger Bürger, von deren Pflege Gott und die Nachwelt Rechenschaft fordert, sind ein Raub der Dürftigkeit, der Blöse, des Müßiggangs und der Unwissenheit. Eine ganze sieche Nachkommenschaft keimt in ihren elenden Körpern, ihre weichen Herzen, ohne Unterweisung zur Tugend und Religion, bilden sich zur Härte, reifen nach und nach zur Ruchlosigkeit, und bereiten mitten in der Christenheit ein Menschengeschlecht vor, dessen Gedanke jedes Redlichen Seele zittern macht.

Diese Schicksal der nach tausenden zu zählenden unglücklichen Kinder, die tiefste Wunde des Staates, verlanget die dringendste Hülfe.” (A.2, S.1f)

Auch die Anstalt wurde beschrieben, wobei unter der Aufsicht der Obrigkeit und geistlicher Ministeria “eine gewisse Anzahl der äußerst verarmten Kinder, wenigstens dreymal in der Woche, mit nothdürftiger Speisung zu versehen, hierbey selbige in der Schule den ganzen Tag über in der christlichen Religion und sonst unterrichten zu lassen, nicht weniger sie nach geendigten Unterrichtsstunden zur Arbeit oder anderen nützlichen Beschäftigungen anzuhalten, auch diese Anstalt nach Maaßgabe der zunehmenden Kräfte mehr und mehr zu erweitern” sei. (A.2, S.2)

Der Schlußsatz des »Avertissements« führt uns wieder zu meinen anfänglichen Überlegungen zurück. “Gott selbst wird eine dergleichen treue Nachahmung des uns von ihm gegebenen Beyspiels der vorzüglichen Liebe gegen die Kinder, gewiß nicht unvergolten lassen.”(S.2)

Im Gegenzug findet sich in dem anderen Dokument, dem “Gebet der armen Kinder in Rochlitz in ihren Abend Betstunden” (Anlage Nr.3) der Ausdruck der Dankbarkeit an Gott für seine Gnade und die Hoffnung auf Vergeltung des Guten, was “Mitleidige und christliche Wohlthäter geleistet” hatten. Auf sechs kleinen, gesangbuchgroßen, eng beschriebenen Seiten heißt darin:

Gerechter und erzürnter, aber auch barmherziger und versöhnter Gott! du bist unser Vater und unser Erlöser, von Alters her ist das dein Nahme; da du bist der rechte Vater über alles was da Kinder heiset, im Himmel und auf Erden. Wir deine armen, elenden und verlaßnen Kinder, nahen uns ietzo, bußfertig und gläubig, deinem Gnadenthrone, und bitten dich, in Nahmen deines Sohnes, unsers Erlösers, daß du doch auch, bey gegenwärtiger großer Theuerung und Hungersnoth, an uns Kinder des Todes, in Gnaden, denken, und unsere Herzen, aus der unerschöpflichen Quelle deines Seegens mit Speise und Freuden erfüllen wollest.

Ach wir haben uns freylich bisher deiner Wohlthaten durch Sünden und viele Missethaten, verlustig und unwürdig gemacht, und wir müssen jetzt, voller Schaam und Reue, bekennen, daß wir den Weg deiner heiligen Gebote gänzlich verlassen, und dargegen, als verirrte und verlohrne Schaafe, auf dem breiten Wege, der zu Verderben und Verdammniß führet, gewandelt haben. ...

... Ungehorsam und Widerspenstigkeit gegen Eltern, Lehrer und Vorgesetzten, Müßiggang, Leichtsinn und Leichtfertigkeit hatten uns schon längst in deinen allsehenden Augen, wie auch in den Augen der christlichen und gesitteten Welt zum Greuel und Abscheu gemacht. Und wie sehr muß es nun schmerzen, wenn wir erwägen, daß wir die edle und kostbare Zeit unserer Jugend, in welcher wir einen guten Grund zu unserer künftigen Wohlfarth legen, und uns zu deinem Dienst und Ehren, wie auch zum Dienst und Nutzen des Rechten hätten vorbereiten sollen, ganz unverantwortlich verschwendet, und dieselbe mit sündlicher Ausschweifung und kindischen Thorheiten zugebracht haben. ...

Dieser Abbitte an die begangenen Sünden, die dem jugendlichen Unverstande zuzuschreiben sei, folgt in einer längeren Ausführung die Bitte um Gnade und Barmherzigkeit, verbunden mit dem Versprechen, durch fleißiges und eifriges Erlernen des göttlichen und heiligen Wortes sich der erhaltenen Gaben und des Unterhalts würdig zu erweisen. Auch wenn sie von Vater und Mutter verlassen sind, hoffen sie Halt und Unterstützung in Gott zu finden. In das Gebet schließen sie zum Schluß auch die Stadt, ihre Einwohner und ihre Wohltäter mit ein.

... Gedenke auch unserer Stadt zu allen Zeiten im Besten und laß in Zukunft die Einwohner derselben, weder durch Krieg, Hunger und Pest, noch auch durch Feuer und Wasser in AngstUnd Schrecken gerathen. Vergilt besonders auch allen Mitleidigen und christlichen Wohlthätern das Gute, so sie uns armen und verlassenen Kindern in diesen Tagen der Noth erzeigen, und laß keinen einzigen Bissen Brod unbelohnt bleiben, der uns von ihrer Milde und Liebe zu unserer Erhaltung und Sättigung gereichet wird. ...

... Wir armen Sünder bitten dich, du wollest uns erhören, lieber HErre Gott, um deines Sohnes JEsu Christi, unsers einigen Mitlers und Fürsprechers willen.  Amen.

Diese Akte von 1772 bestätigt die Erkenntnisse, daß nach der Reformationszeit neben dem kirchlichen Almosenfond, die Stadt bei der kommunalen Armenfürsorge ganz auf die private Spendenbereitschaft der Bürger angewiesen war. Die Anlagen 4-6, Specificativ, Tabella und Verzeichnis zeigen allerdings auch, wie die örtliche Verwaltung zu Ausgang des 18. Jahrhunderts die einstigen alleinigen Aufgaben der Kirche übernimmt und zum Träger der öffentlichen Armenfürsorge wird. Die damaligen Stadtschreiber führten exakt Buch über die “Armen und Nothleidenden bey hiesiger Stadt Rochlitz” sowie die Einnahmen und Ausgaben “wegen Versorgung derer Armen und Nothleidenden”. Aber auch sie fühlten sich dem christlichen Dogma noch verbunden. Die Armenakte aus dem Jahre 1798 wird mit dem Spruch angeführt:

                                                 “Matth. XXV

Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket; ich bin nacket gewesen, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet. Was ihr gethan habt dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir gethan.” (Akte 4191, 1798)

 

Der Gedanke der “Gottgefälligkeit” der Armenunterstützung verliert keinesfalls an Bedeutung. Bis weit in das 19. Jahrhundert kann man im Rochlitzer Tageblatt immer wieder Spendenaufrufe und die dazugehörigen Danksagungen finden. Als Beispiel dafür soll der Aufruf des Diaconus Neunhöfer vom 12. Mai 1864 stehen (Anlage Nr. 7 u. 8), zumal dieser in erster Hinsicht auf den christlichen Hintergrund aber gleichzeitig auf das »Anniversarium«, nämlich das Pfingstfest als Anlaß, verweist. So heißt es in der Aufforderung:

Dringende Bitte an edle Menschenfreunde! In unserer Stadt Rochlitz befindet sich gegenwärtig eine sehr heimgesuchte, hülfsbedürftige Familie; es ist die des Mauerer Wolf in der Amtsvorstadt, dessen hochbetagte Mutter nun schon seit Jahresfrist krank darnieder liegt und Pflege bedarf. Aber nicht genug damit, im Februar erkrankte plötzlich auch Wolf’s Ehefrau bedenklich, infolge eines Schlaganfalls an der linken Seite gelähmt, und als sie endlich durch ärztliche Kunst soweit hergestellt war, daß man sie für genesen hielt, warf sie unerwartet ein Rückfall abermals und noch hoffnungsloser aufs Krankenlager, indem zu der Lähmung schmerzhafte Geschwulst des ganzen Leibes hinzugetreten ist. ...”

Neunhöfer begründet weiter die Notwendigkeit einer Wartefrau, um die Patientin bewegen zu können, vor allem aber um den drei Kindern zu helfen, von denen eins selbst körperlich gebrechlich ist. Würde der Mann dies übernehmen, müsse er damit rechnen, seine Arbeit zu verlieren. Zum Schluß seine flehende Bitte: “Bedarf es mehr, um Mitleid zu erregen und zu thatkräftiger Samariterliebe aufzumuntern? Ach hier ist großes Elend und Hülfe dringend nöthig! Matth. V, 7 – Zur Annahme von Gaben für die Bedrängten erklärt sich bereit   Diaconus Neunhöfer” (A.7)

Das Neue Testament sagt dazu an dieser Stelle: ”Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.”(Die Bibel, S.707), was wieder den göttlichen Lohn für die Mildtätigkeit verspricht.

Diaconus Neunhöfer kann am 10. Juni 1864 vermelden:

Dank und Quittung. Mein Aufruf für die nothleidende Familie Wolf hat einen erfreulichen Erfolg gehabt. Der Pfingstgeist, welcher ein Geist helfender Liebe ist, hat sich lebendig und kräftig erwiesen. Reiche und Unbemittelte haben im Wohlthun wahrhaft gewetteifert. Für die ins Haus unmittelbar gereichten Gaben hat Wolf selbst schon in diesem Blatte gedankt. Indem ich für die durch mich gesammelten Spenden Quittung ablege, spreche ich allen den fröhlichen Gebern in Wolfs und meinem Namen den herzlichsten Dank aus. Viele Kummerthränen sind getrocknet worden, viele Freudenthränen geflossen.

Gott wolle Ihre Liebe reichlich vergelten!” (A.8) Es folgen die Namen und Gaben vieler, vieler Spender. 1)

Oftmals gingen die Aufrufe zur Barmherzigkeit über die Stadtgrenzen von Rochlitz hinaus, wenn Feuersbrünste, Hungersnöte oder auch Bergwerksunglücke im Erzgebirge die Menschen aufschreckten. Die danach veröffentlichten “Quittungslisten” zeigen uns aber auch die innere Anteilnahme der Spender, denen es oft ein Herzensbedürfnis war, Gutes zu tun.

Weitere Beispiele dazu lassen sich auch im Rochlitzer Tageblatt von 1860 S. 323 zu einem Unfall in der Spinnerei mit einem 13-jährigem Jungen und S. 349 der “Bitte an edle Menschenfreunde, ‚durch Mildthätigkeit dieser unglücklichen Familie zu helfen‘ ” finden oder in der Beilage zu Nr. 11 “Spendenliste für ‚beschädigte Miethbewohner‘ beim Brand im Arnoldschen Hause” vom 25. Januar 1861 sowie am 18.10. 1864 , S. 531 unter “ein ‚Menschenfreund‘ spendet zum Geburtstag seiner Majestät 100 Thlr. für 63 Bedürftige”.