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3. Kurze Historie der Stadt Rochlitz im 19. Jahrhundert
Das alte Rathaus zu Rochlitz. Tondruckbild aus der Chronik von Friedrich Bode von 1865
Im Jahre 1995 feierte die Stadt Rochlitz die tausendjährige Wiederkehr der ersten urkundlichen Erwähnung
der Landschaft um die Stadt, des sorbischen Rochlitzgaus und indirekt der Reichsburg, da eine Stadtgründungsurkunde nicht mehr vorhanden ist. Auch die Chroniken können den genauen Zeitpunkt nicht belegen.
Eine der ältesten Städte Sachsens brachte sich bundesweit mit der 1000-Jahrfeier und 8 Tage später mit
den Feierlichkeiten zum “Tag der Sachsen 1995” nach dem Verlust des Kreisstadtstatuses durch die Kreisgebietsreform wieder in Erinnerung. Die Stadt gehört heute zum Regierungsbezirk Chemnitz und hat
seit April 1997 den Status “Große Kreisstadt” im neuen Landkreis Mittweida.
Der Verleger des Rochlitzer Tage- und Anzeigenblattes Friedrich Bode gab 1865 eine “Chronik der Stadt
Rochlitz und Umgegend” heraus, die von Reinhard Lehmann, einem Rochlitzer Geschäftsführer, anläßlich der Tausendjahrfeier erneut veröffentlicht wurde. Sie ist das einzige von mir gefundene komplexe
Druckerzeugnis zur Geschichte der Stadt, das auch den Zeitraum meiner Untersuchungen beschreibt.
Schon Bode beklagte damals: ”In alten Zeiten war Rochlitz ein Ort, durch den eine Lebensader des
Weltverkehrs ging, da kreuzten sich hier die Straßen von Chemnitz nach Leipzig und die von Pegau, Penig
etc. nach Frankfurt a/O. Damals kannte Rochlitz Leben, jetzt ist es ein Ort, der zwischen 2 Weltadern liegend, nur fern den
Pulsschlag des Weltverkehrs hört, ohne direct von ihm belebt zu werden.” (Bode, 1865, S. 47) Er schrieb zur Lage der
Stadt: “Rochlitz liegt am linken Ufer der Zwickauer Mulde, also auf dem Theile des alten Meißnischen Landes, der von den
Sorben bewohnt, ehemals Sorabia, später, weil östlich von Thüringen gelegen, Oster-Land genannt wurde, und der in der
Jetztzeit zum Königreiche Sachsen, speciell zum Leipziger Kreise gehört. Es liegt 5 Meilen südöstlich von Leipzig, 3 Meilen
nordwestlich von Chemnitz, 8 Meilen westlich von Dresden und 5 Meilen nördlich von Zwickau, unter 30 Grad 25 Minuten
östlicher Länge und 51 Grad 3 Minuten nördlicher Breite. Im Norden schließen sich an die Stadt üppige Felder, im Osten
saftige Wiesen, im Süden eine früher sehr ausgedehnte jetzt mehr beschränkte Bleiche und im Westen das Schloß. Die Stadt
selbst, auf einer kleinen Erhöhung in der Tiefe gelegen, ist von einem Kranze von Bergen umgeben. Derselbe wird gebildet im
Norden vom Schröterberge, im Osten vom Galgenberge, im Süden vom Junkerberge und im Westen vom Schloß-, Wein- und Sauberge.” (Bode, 1865, S.7)
In dem von mir untersuchten Zeitraum war Rochlitz der Sitz der Amtshauptmannschaft und für die Verwaltung des
Gerichtsamts-Bezirkes Rochlitz, Mittweida, Burgstädt, Penig, Geithain, Frohburg und Colditz zuständig. “Dieselbe steht unter der Leitung eines königl. Amtshauptmanns und ist im Jahre 1810 errichtet. Das Bureau der königl.
Amtshauptmannschaft befindet sich jetzt im Hause des Herrn Zimmermeisters Graul, in der Nähe der Hospitalkirche.”
(Bode, 1865, S. 75) Weitere wichtige Ämter, wie das Königl. Gerichtsamt, das sich im Schloß zu Rochlitz befand, das
Königl. Rent-Amt und die spätere Bauverwaltung sowie die Königl. Bezirks-Steuer-Einnahme sorgten dafür, daß die Stadt bis heute den Ruf einer alten Beamtenstadt behalten hat.
Die administrative Leitung der Stadt Rochlitz, den “Rath von Rochlitz” beschrieb Bode wie folgt: “Derselbe bestand zuerst
aus 24 Personen, die auf drei Jahr gewählt wurden. 8 davon bildeten den regierenden Rath, der nur 1 Jahr fungirte, so daß
innerhalb der 3 Jahre jeder der Gewählten ein Jahr im regierenden Rathe gesessen hatte. Später änderte sich dieses, und man
wählte nur noch 12 Personen in den Rath, nämlich 1 Bürgermeister, 1 Stadtrichter, 1 Kämmerer, 1 Weinmeister, 1
Wachmeister, 1 Futtermeister, 1 Baumeister, 1 Schöppenmeister und 4 Gerichtsschöppen, die unter sich jedes Jahr einen
Bürgermeister wählten. Zur Wahl in den Rath war nöthig, daß der Betreffende in der Stadt geboren, oder doch längere Zeit
darin gelebt hatte, daß derselbe nicht unter 25 und nicht über 70 Jahre alt sei, einen frommen guten Wandel geführt habe,
und nicht viel Schulden habe. Die Wahl des Raths fand stets zu Ostern statt. Seit 1834, mit der Einführung der allgemeinen
Städteordnung, wird der Bürgermeister stets auf Lebenszeit, die noch zum Rathe gehörigen, jetzt nur 5 Rathmänner, auf Zeit
gewählt. Der erste 1834 auf Lebenszeit gewählte Bürgermeister war der seit 1827 als Stadtrichter und Vicebürgermeister
fungirende Graigen, dem 1855 der jetzt regierende Bürgermeister Ritter etc. Caspari folgte.” (Bode, 1865, S. 77f)
Darüber hinaus gab es ein “Stadtverordneten-Collegium” zur Vermittlung zwischen Rath und Bürgerschaft sowie
“permanente Deputationen zur Erleichterung des Geschäftsganges beim Stadtrathe”, wie Baudeputation, Einquartierungsdeputation, Rechnungsdeputation, Marktdeputation, Krankenhausdeputation und Sparkassendeputation. In
den Akten fand ich oft noch die Bezeichnung der Armendeputation, die bei Bode aber nicht erwähnt wird.
Ich schildere die Administration der Stadt deshalb so ausführlich, weil sie einen entscheidenden Anteil am Armen- und
Wohlfahrtswesen der Stadt hatte, was sich auch immer wieder in den offiziellen Verlautbarungen des Rochlitzer Tage-, Amts- und Wochenblattesblattes der damaligen Zeit lesen läßt.
Ansonsten bezeichnete Bode die Stadt Rochlitz Mitte des 19. Jahrhunderts als eine “im Allgemeinen gewerbetreibende
Stadt”, dieser und jener betriebe nebenbei Acker- oder Gartenbau und ganz wenige stützten sich nur auf die
"Landwirthschaft". “Unter den Gewerken sind besonders stark vertreten das Schuhmacher- und Schneider-Gewerbe, bei
welchem ersteren eine förmliche fabrikmäßige Arbeits-Eintheilung sich gebildet hat, indem Einige nur Stiefel, Andere
Zeugstiefel und überhaupt feinere Arbeit, noch Andere aber nur Pantoffeln anfertigen. Die meisten dieser Schuhmacher
beziehen auch auswärtige Märkte und Messen, oder liefern an Engros-Händler nach Chemnitz und anderen Orten. Von den
kleineren Schneidern hiesiger Stadt aber, arbeiten viele für das hier bestehende Kleider-Magazin von E. Pfefferkorn, das in
Dresden, Chemnitz, Glauchau und Meerane weitere Niederlagen und einen sehr bedeutenden jährlichen Umsatz hat. Auch
an Kaufleuten fehlt es in Rochlitz so wenig, daß deren Bestehen sich nur durch die Landkundschaft erklären läßt. Außerdem
finden viele der hiesigen Einwohner Beschäftigung in den Zigarren-Fabriken der Herren Steinbach, Lauber, Kunze und Voigt, wie auch in der Kammgarnspinnerei des Herrn Haubold, dann in der bedeutendsten Fabrik des Ortes, der
Thibetfabrik der Herren Winkler und Sohn, die 1864 ihr 100jähriges Jubiläum feierte, und in der Parfümerie-Fabrik der
Herren Bergmann und Co. ...” “....Ganz besonders bemerkenswerth ist noch das Steinmetz-Gewerk, denn nicht nur eine
bedeutende Anzahl Einwohner hiesiger Stadt, sondern auch ein nicht unbeträchtlicher Theil Bewohner umliegender
Dorfschaften, nähren sich sehr gut durch dieses Gewerbe, weshalb auch die Steinmetzen von jeher bedeutende Privilegien gehabt haben.
Die Steinbrüche befinden sich sämmtlich im Rochlitzer Walde, und liefern nicht nur gewöhnliche Mauersteine, sondern
Fensterstäbe, Simse, Stufen, Leichensteine, kurz Alles, was aus einem nicht geklüfteten guten Steine geschaffen werden
kann. Die Steine werden weit und breit versandt und haben unserer Stadt einen Ruf verschafft, den sie ohne diese herrlichen Porphyrbrüche schwerlich je errungen hätte.” (Bode, 1865, S.46)
Trotz dieser guten wirtschaftlichen Grundlage kam auch die Stadt Rochlitz durch Naturkatastrophen, wie Hochwasser und
andere Wetterschäden, die oft zu Bränden führten, und Mißernten in den umliegenden Ortschaften aus den Schulden nicht heraus. Die Kriegslasten der napoleonischen Zeit trafen den Ort und seine Bewohner aber noch stärker.
“Eine viel schlimmere, als die im 7jährigen Kriege verlebte Zeit, brach mit Napoleon's Emporschwingen auf den
französischen Thron über Rochlitz herein. Schon in den Jahren 1805 und 1806 wurden bedeutende preußische und
badensche Truppenmassen theils hier einquartiert, theils durch dirigirt. 1808 rückten wieder 12-13000 Mann Franzosen, die
aus Schlesien nach Spanien marschirten, hier durch. 1809 rückte die ganze sächsische Armee auf ihrem Marsche nach der
Donau, wie auch französische, westphälische und holländische Truppen hier durch. Ebenso in den Jahren 1810 und 1811
war unser Rochlitz fortwährend mit Einquartierung der verschiedensten Truppen geplagt. Doch das eigentliche Elend, mit fast
nicht zu erschwingenden Opfern, brachten erst die nächsten Jahre, wo in Rochlitz, als Etappenort, fast alle durchziehenden Truppen Quartier nahmen.
Im Jahre 1812, wo der Krieg mit Rußland entbrannte, waren es meist Franzosen, Bayern und Italiener, welche auf ihrem
Marsche nach Rußland hier Quartier nahmen, während im nächsten Jahre auch Russen, Preußen und Oesterreicher hier
vielfach einrückten. Im März 1813 allein waren einquartiert 12 Generale, 129 Stabs-Offiziere, 749 Subalternoffiziere und
12725 Unteroffiziere und Gemeine. Vom 7.-12. April befand sich Blücher‘s Hauptquartier und die königl. Prinzen in unserer Stadt. ...” (Bode, 1865, S.129f)
Bode dokumentierte mit vielen weiteren Zahlen die Gewährung von Unterkunft in der Stadt, die auch nach der
Völkerschlacht bei Leipzig durch “fortwährend Einquartierung, besonders russischer Truppen, welche auch 1814, 1815-17 auf ihrem Wege nach und von Frankreich unser Rochlitz stets passirten” (S.130), kein Ende nahm.
“Vom April 1813 bis September 1814 hatte Rochlitz im Ganzen in Quartier: 195 Generale, 350 Obersten, 141
Oberstlieutenants, 1098 Stabs-Offiziere, 12534 Subaltern-Offiziere und 152,521 Unteroffiziere und Gemeine. Die dadurch
entstandenen Schulden der Stadt beliefen sich auf 19357 Thlr. 1 Gr. 10 Pf. Zu alle diesen Lasten kam nun noch öfter die
Besorgniß, die Stadt durch ein Gefecht zerstört zu sehen, doch blieb es hier glücklicherweise bei der Besorgniß, ohne daß dieselbe sich verwirklicht hätte.
Ein anderer Uebelstand war aber der, daß durch die vielen hier untergebrachten Kranken sich Nerven- und Lazarethfieber
verbreiteten. Im März 1813 passirten die Reste der Bayerschen Armee, aus Rußland kommend, unsere Stadt, und da es fast
lauter Kranke waren, so sah man sich genöthigt, sie in der Hospitalkirche unterzubringen. In einer einzigen Woche kamen
hier circa 1000 Kranke durch. Als sich nun der Krieg mehr nach Sachsen zog, diente die Kirche immerfort zur Unterbringung Kranker und Gefangener, und nach der Schlacht bei Leipzig faßte das Hospital und die Kirche die
Verwundeten und Kranken nicht mehr, so daß das Schießhaus und 2 Bürgerhäuser noch damit gefüllt werden mußten. Die
Zahl der in diesem Jahre hier gestorbenen Russen, Oesterreicher, Bayern, Preußen und anderer Deutscher belief sich auf 231 Mann.
Die Noth, welche dieser Krieg über Rochlitz gebracht, war größer als je vorher. Um nur die ewigen Lieferungen an Soldaten
los zu werden, da sie selbst kaum noch zu essen hatten, trugen viele sonst wohlhabende Bürger den Schlüssel ihrer Häuser
auf‘s Rathhaus, als Zeichen, daß sie ihre Häuser dem Rathe gegen Erlaß der Einquartierung überlieferten. Eine völlige
Muthlosigkeit hatte die Meisten befallen, und lange Jahre des Friedens nur konnte wieder aufbauen, was der Krieg in kurzer Zeit zerstört.” (Bode, 1865, S.130f)
Man stelle sich nur vor, welche außerordentlichen Belastungen die monate-, ja jahrelange Unterbringung und Beköstigung
sowie die Krankenversorgung solcher Menschenmassen für die heutige, moderne Kleinstadt Rochlitz bringen würde, um auch nur in etwa ermessen zu können, was dies vor 184 Jahren bedeutete.
Sich davon zu erholen, bedurfte langer Jahre der Wiederherstellung und des gemeinsamen Neuaufbaus. Bode schrieb noch in
den 1860er Jahren, sich auf den, mit dem Bau der Muldentalbahn erhofften Aufschwung beziehend, “Und Rochlitz bedarf
dessen, denn wir können uns nicht verhehlen, daß noch viel Noth und Kummer um die Erhaltung der Familie manchen
braven Bürger drückt, indem durch Kriegslasten und große Brände der Wohlstand vieler Familien zerstört wurde.” (S. 47)
Der Umfang der vorliegenden Arbeit läßt es nicht zu, weitere Ausführungen zur bewegenden Rochlitzer Historie zu machen.
Sie läßt sich aber stets an den großen Ereignissen sächsischer Geschichte messen und ist mit ihr schicksalhaft eng verbunden.
Dennoch heben die Chronisten immer wieder den Mut der Rochlitzer für einen Neubeginn hervor, dessen Ergebnisse
allerdings nicht, an die Blüte von Kunst, Handwerk und Gewerbe des Mittelalters heranreichte, wie wir es noch heute an eindrucksvollen baulichen Zeitzeugen nachweisen können.

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