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2.1. Schwerpunkte deutscher und sächsischer Geschichte im 19. Jahrhundert
Um dem Anliegen des vorliegenden Themas gerecht zu werden, möchte ich die Betrachtung des
geschichtlichen Rahmens bereits mit entscheidenden Ereignissen der europäischen, deutschen und sächsischen Geschichte zu Ausgang des 18. Jahrhunderts beginnen. Machen sich doch die
Wetterleuchten einer ganz neuen Epoche nun auch auf dem europäischen Festland bemerkbar. Anders als die bürgerliche Revolution in England hat die territoriale Nähe der Französischen Revolution zum
deutschen Nachbarstaat und vor allem als dem Konkurrenten Nummer Eins einen doch größeren Einfluß auf das Schicksal der deutscher Geschichte.
Der Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit fand natürlich auch im deutschen Volke seinen Widerhall. Aber so gegensätzlich wie die jahrhundertelange Entwicklung Frankreichs vom
Partikularstaat zum Zentralstaat und Deutschlands vom zentralen Reich Karls des Großen zur Macht der Partikulargewalten war, so unterschiedlich war auch der Grad der Zustimmung in Deutschland zu
dem, was sich 1789 in Frankreich und speziell in Paris ereignete. Der Adel schmiedete sofort Pläne einer Allianz gegen Frankreich. Anders verhielten sich aber die
Träger der neuen Produktionsmittel und des damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Gedankengutes. Einig war sich das aufstrebende deutsche Bürgertum und die fortschrittliche Intelligenz
wohl nur darin, daß auch dem Treiben der verschwenderischen Hofhaltung deutscher Fürsten ein Ende gesetzt werden müßte. Dennoch zeigten sich hier die zwei Seelen, die in der Brust des Bürgertums
wohnten. So manche Manufakturbesitzer verdienten ja nicht schlecht an den von ihnen hergestellten und am Hofe so begehrten Luxusartikeln. Andere deutsche Demokraten eilten nach Frankreich, um die
Revolution unmittelbar zu erleben. Die im August 1798 von der französischen Verfassungsgebenden Nationalversammlung - Konstituante
- gefaßten Beschlüsse zur Bauernbefreiung und Abschaffung aller Feudalrechte und die Verkündung der Menschenrechte nach dem Vorbild der USA fanden im deutschen Bürgertum eine unterschiedliche
Bewertung, die von heller Begeisterung bis strikter Ablehnung reichte. War es die Angst vor der eigenen Courage oder schon die vor dem bis zum Äußersten gehenden Bewegungen unterer
Volksschichten? Gerade die zweite Seite erhielt ihren Nährboden in der radikalen Phase der Französischen Revolution bis hin zur Herrschaft des Wohlfahrtsausschusses um Robespierre, Danton,
Marat und Saint-Just. Die Guillotine wurde auch in Deutschland zum Schreckenssymbol und das nicht nur beim Adel. An dieser Stelle erscheint es mir wichtig zu erwähnen, daß Sachsen, als deutsches Kurfürstentum,
schon zwischen 1763 und 1789 eine Politik des aufgeklärten Absolutismus betrieben hat. Die Wirtschaftspolitik wurde nach liberaleren Grundsätzen betrieben als zum Beispiel in Preußen. Hier
herrschte noch freie Konkurrenz statt monopolistische Bevorteilung einzelner Unternehmer. Den Manufakturen in Sachsen eröffnete dies einen breiteren Spielraum als in den meisten anderen deutschen Territorien.
Die Nachricht vom Sturm auf die Bastille und der Revolution in Frankreich wurde in Sachsen besonders bei den Bauern aufgenommen. Sie waren am meisten unzufrieden mit ihrer Lebenslage.
Obwohl es große Veränderungen in der sächsischen Landwirtschaft seit 1760 gab und der Adel die Ausbreitung des Futtermittelanbaus und die Einführung der ganzjährigen Stallfütterung förderte, den Anbau von mehr Kartoffeln und
Rüben begünstigte, künstliche Düngemittel einführte sowie die Arbeitsgeräte verbessert wurden und die Ausweitung der Felder höhere Erträge brachte, zahlte es sich für die Bauern nicht aus.
Sie mußten zusätzliche Frondienste leisten und wurden zur Schafhaltung verpflichtet. Seit 1788 häuften sich Mißernten und die Unzufriedenheit spitzte sich zu, was langanhaltende Dürren im Frühjahr und
Sommer 1790 verschärften. So ist es nicht verwunderlich, daß sich die Bauern zu wehren beginnen und erste Aktionen im Mai 1790 dort
ausbrechen, wo das für die kurfürstliche Jagd gehegte Wild zur Plage wurde, in der Sächsischen Schweiz. Wehlener Bauern und weitere 15 Gemeinden der dortigen Umgebung verjagten das Wild oder schossen es ab. Als die sächsische
Regierung eine Reduzierung des Wildbestandes anordnet, enden die Unruhen. Der Aufruhr flackerte erneut auf, als er mit dem Seiler Christian Benjamin Geißler aus Liebstadt im Osterzgebirge ein
Sprachrohr fand. Er verbreitete selbstverfaßte Aufrufe gegen Adelsprivilegien, für die Abschaffung der Wildgehege und für gerechtere Justiz an den Bauern.
Zum offenen Ausbruch eines Aufstandes kam es am 3. August 1790 bei Schleinitz und Petzschwitz im Meißner Gebiet.
Die Bauern kündigten die Frondienste, entwaffneten kleinere militärische Einheiten, erzwangen Verzichtserklärungen auf Frondienst und Zinsen an Adel. Nachdem einige Bauern verhaftet wurden kam es zur Ausweitung der Aktionen und
innerhalb zwei Wochen wurde fast das ganze Flachland erfaßt. Auch von den Bauern des Rittergutes des Ortes Königsfeld, der nur 3 km von der Stadt Rochlitz entfernt liegt, ist bekannt, daß sie sich am Aufstand beteiligten.
Einer militärischen Macht von 5600 Mann, die die Dresdner Regierung gegen die sächsischen Bauern schickte, waren sie nicht gewachsen.
"Mit dem am 18. Januar 1791 erlassenen - Mandat, wider den Tumult und Aufruhr - und den darin enthaltenen Androhungen von Repressalien aller Art bis zur Todesstrafe für neuerliche Aufstandsversuche schuf der kursächsische
Feudalstaat ein alle weiteren antifeudalen Aktivitäten erstickendes Gesetz." (Groß, 1989, S. 310)
Ein nachhaltiges Echo des sächsischen Bürgertums auf die Französische Revolution blieb aber aus. Anders hingegen
reagierte der herrschende Adel. Im August 1791 trafen sich im Schloß Pillnitz der österreichische Kaiser und der preußische König als Gäste des sächsischen Kurfürsten, um einen Pakt gegen die französische Revolution und die
Unruhen in den eigenen Ländern zu schließen. In der "Pillnitzer Deklaration" einigten sich die Fürsten auf die Wiederherstellung des Königtums in Frankreich, auch durch den Einsatz militärischer Mittel.
In den Aufzählungen der nun folgenden Ereignisse kann man nachlesen, daß sich der Kurfürst Friedrich August III. bemühte, innerhalb der zu befürchtenden Auseinandersetzungen neutral zu bleiben. Dabei lehnte er sogar die ihm
angetragene polnische Königskrone ab, um nicht in die Machtkämpfe zwischen Preußen, Rußland, Frankreich und Österreich zu geraten.
"Als aber die französische Revolutionsarmee erfolgreich operierte, Reichsgebiet erreichte und Mainz sowie Frankfurt
am Main besetzte, daraufhin der Regensburger Reichstag den Reichskrieg gegen Frankreich beschloß, da glaubte auch Sachsen, seinen Verpflichtungen gegenüber dem Reich nachkommen zu müssen. Am 19. Oktober 1792 trat es dem
Reichskrieg bei und rüstete ein Korps von 6000 Mann, 3000 Pferden und 10 Geschützen unter General Lindt aus." (Groß, 1989, S. 315)
Für Sachsen sollte das eine lange Zeit zwischen den Fronten werden, für Frankreich allerdings brachte es in der Folge
den Aufstieg Napoleons, der, als er 1812 in Pillnitz weilte, gesagt haben soll: "Hier bin ich geboren."
An dieser Stelle möchte ich meine Gedanken zu den politischen und militärischen Verwicklungen, die sich nun für Sachsen ergaben, unterbrechen und einige Aussagen zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschland am Ende des 18.
Jahrhunderts treffen. Im Gegensatz zu Frankreich fehlte in Deutschland eine einheitliche Wirtschaft und ein einheitlicher Staat, der der
Entwicklung der Ökonomie förderlich gewesen wäre. Die kapitalistische Entwicklung vollzog sich demzufolge weitaus schwerfälliger als in den zentralisierten Staaten Europas und den USA.
"Am Ende des 18.Jhs. lebten von den etwa 23 Millionen Einwohnern Deutschlands mehr als drei Viertel auf dem
Lande. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land setzte sich nur langsam durch, und selbst die
Städte - nur zwei von ihnen, Wien und Berlin, hatten mehr als 100000 Einwohner - hatten in mancher Hinsicht noch ländlichen Charakter." (Deutsche Geschichte Bd. II, 1967, S. 4)
Hinzu kamen veraltete Betriebsformen in der Landwirtschaft wie zum Beispiel die Dreifelderwirtschaft, die auch durch
die noch ungenügende Zufuhr von künstlichem Dünger noch nicht überwunden werden konnte. Mangel an Futtermitteln ließ die Viehwirtschaft stagnieren. Allein in den nördlichen deutschen Ländern kam es zu einem Aufschwung der
Getreidewirtschaft, da England auf Grund erhöhten Eigenbedarfs Getreide verstärkt importierte. Allerdings wirkte sich dies wiederum auf die Preisentwicklung aus, so daß es zu Teuerungen in den Städten kam, was wiederum zu
Hungerunruhen z.B. in Mecklenburg und Halle führte. In Deutschland war das Handwerk immer noch dominierend und damit auch an der Schwelle des industriellen
Zeitalters hinderlich für die Entwicklung der Manufakturen. Es bestand noch die Zunftverfassung, die aber in der Praxis oft verletzt wurde.
Noch gab es keine Gewerbefreiheit und die feudale Agrarverfassung hemmte ebenfalls die Manufakturentwicklung, weil es einfach an Lohnarbeitern fehlte.
Die Textilindustrie war vor allem als dezentralisierte Manufaktur angesiedelt. Dort wo ländliche Erträge gering waren und wo die Bevölkerung auf Nebenverdienst angewiesen war, funktionierte das Verlagswesen als Zwischenstufe
zwischen Handwerk und Manufaktur. "Wie in anderen Ländern begann auch in Deutschland die Industrialisierung in der
Leichtindustrie, da in ihr geringere Investitionen als in der Schwerindustrie erforderlich sind und das Kapital schneller
umschlägt, wodurch sich leichter Profite erzielen lassen. Den wichtigsten Zweig der Leichtindustrie bildete die
Textilindustrie. Im letzten Drittel des 18.Jhs. erlebte vor allem die Baumwollindustrie einen Aufschwung. Die Baumwolle
wurde teils über Wien aus Mazedonien, teils über Hamburg aus Westindien eingeführt und im Gebiet um Elberfeld, in
Schlesien und in Sachsen (vor allem in Chemnitz und Plauen) verarbeitet. Ein Teil der Fertigwaren wurde exportiert." (Deutsche Geschichte Bd. II, 1967, S. 6)
Sachsen setzte in der Wiederherstellungsphase nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 -1763) wie oben schon erwähnt auf die Errichtung neuer Manufakturen. Neben den drei Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz war es auch das
Gebiet zwischen Zwickauer Mulde, Zschopau und Freiberger Mulde, in dem sich auch Rochlitz befindet, wo es verstärkt zu Neugründungen kam. Dabei spielte sicherlich das Wasser als noch meistgenutzte Antriebskraft neben
Mensch und Tier die ausschlaggebende Rolle der Standortwahl. Englische Technik, namentlich die Spinnmaschinen hielten in Sachsen Einzug. "Am Ende des 18. Jahrhunderts liefen
über 2000 Spinnmaschinen in Chemnitzer Betrieben und in den in den umliegenden Städten vor allem des Muldentales errichteten Textilfabriken." (Groß, 1989, S. 300)
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung Sachsens und den damit verbundenen sozialen Auswirkungen auf die Bevölkerung war wiederum eng mit der europäischen Politik verbunden. Die von Friedrich August III. angestrebte
Neutralitätspolitik ließ sich, wie oben bereits erwähnt, auf die Dauer nicht halten. Die Ereignisse der Koalitionskriege
gegen Frankreich zwangen Sachsen, sich auf die Seite der deutschen Großmächte zu stellen, wobei es zunächst an Preußen dann an Österreich als Bündnispartner geriet.

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Abb. 1: Reichsdeputationshauptschluß (Geschichtslexikon, 1991, S.304)
Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803, wonach "112 Reichsstände von der Landkarte verschwanden, 3 Millionen
Menschen ein neues Staatsoberhaupt erhielten und Preußen, Württemberg und Baden die Nutznießer waren" (vgl. Groß, 1989, S. 315 und Karte oben), brachte auch für Sachsen Gebietsveränderungen. Die nach 1803
stattfindenden politischen sowie militärischen Ränke und Ereignisse sind so vielfältig und kompliziert, daß der Verfasser im Sinne der Zielstellung der Arbeit nicht vertiefend darauf eingehen kann und nur die hinsichtlich der
sozialen Auswirkungen wichtigen Fakten nennen kann. Sie beginnen mit der Beteiligung von 22.000 sächsischen Soldaten, nun wieder an der Seite Preußens, an deren katastrophaler Niederlage bei den Schlachten von Jena und
Auerstedt im Oktober 1806, die ihnen durch die französische Armee unter Napoleon zugefügt wird. Dies führte zur militärischen Verwaltung Sachsen durch Frankreich und brachte neben den menschlichen Verlusten im Krieg noch
Kriegskontributionen von 40 Millionen Franc und Forderungen nach Kriegslieferungen für die französische Armee. Im Dezember 1806 wurde Sachsen Königreich von Napoleons Gnaden. Wieder werden die Sachsen von Zustimmung bis
Ablehnung Napoleons hin- und hergerissen. Einerseits Kontributionsforderungen und Übergriffe der Besatzer und andererseits Gewinne durch die von Napoleon verkündeten Kontinentalsperre, wonach englische Waren nicht auf dem
europäischen Festland verkauft werden durften. Dabei traf es aber auch hier z.B. die Händler in Leipzig, weil man englische Vorräte an Tüchern und Webwaren verbrennen mußte, andererseits bot sich Möglichkeit, den englischen
Festlandsmarkt zu gewinnen. Wenn es die kriegerischen Verwicklungen zuließen, gewann man vor allem den Osten und Südosten Europas für die Textilien Sachsens. Die Industriedörfer der Gebirgsbezirke und der Lausitz blühten auf.
Der Handel der Städte sah ebenfalls neue Möglichkeiten. Neue Belastungen der sächsischen Bevölkerung ließen aber nicht lange auf sich warten. Die Teilnahme sächsischer Truppen am Rußlandfeldzug 1812 war eine schwere
Belastung und von den 21 000 sächsischen Soldaten kehrten nur knapp 1 000 in die Heimat zurück. Auf ihrem Rückzug brachten sie auch noch Krankheiten, wie das Nervenfieber, mit sich. An der Seite Napoleons stand Sachsen wieder
einmal auf der des Verlierers und mußte es auch noch hinnehmen, daß es 1813 zum Hauptkriegsschauplatz wurde. Die Auswirkungen der Völkerschlacht bei Leipzig waren katastrophal. Nicht nur die Stadt und das Umfeld von Leipzig
waren erfüllt mit Bildern des Todes und Jammers aller Art in ganz Sachsen waren durch die Befreiungskriege etwa 400 000 Menschen getötet worden. Feldern verödeten, Städte wie z.B. Bischofswerda waren verbrannt oder verwüstet,
die Dörfer geplündert, das Holz der Scheunen, Türen, Fenster, sogar der Hausgeräte war in Lagerfeuern verheizt worden. Allein im Kreis Meißen irrten über 500 verwaiste Kinder umher. (vgl. dazu auch Aus der Geschichte Sachsens
2, 1991, S. 33f)
Der Pulverdampf der Schlachten hatte sich noch nicht verzogen, da beginnt schon wieder das Gerangel um Ländereien, Menschen und Material. Progressive und reformwillige Kräfte Sachsens, die sich in einer
Hilfs- und Wiederherstellungskommission und einem Gouvernementsrat zusammenfanden, stießen sogar auf den Widerstand jenes Mannes, der in Preußen selbst um Reformen rang, Freiherr von Stein. Er hätte Sachsen lieber in Preußen
aufgehen lassen. Dennoch waren Erfolge im Kassenwesen und in der Belebung der Wirtschaft einschließlich des Außenhandels zu verzeichnen. Der Wiener Kongreß 1815 besiegelt zunächst einmal das Schicksal Sachsens. "Das
Königreich Sachsen sank endgültig in die politische Bedeutungslosigkeit und wurde Mitglied des gleichzeitig gegründeten Deutschen Bundes." (Groß, 1989, S. 323)
Aus den bisher festgestellten Tatsachen ist
ersichtlich, und deshalb habe ich den Betrachtungen um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert so viel Raum gegeben, mit welchen enormen Belastungen Sachsen in ein neues Zeitalter ging. Es ist den Menschen dieser Zeit hoch
anzurechnen, daß sie immer wieder einen Neubeginn wagten und untereinander Nächstenliebe, Verbundenheit, Mitgefühl und Verantwortung zeigten, was ich im regionalen Teil der Arbeit noch darlegen werde. Die Zeit nach dem
Wiener Frieden war im wesentlichen von der politischen Restauration der Adelsmacht geprägt. In Sachsen war dies mit dem Namen des Kabinettsminister Detlev Graf von Einsiedel verbunden, der eine Politik gegen Reformen verfolgte.
Dennoch erforderte die fortschreitende Industrialisierung das Nachdenken über wirtschaftliche und politische Veränderungen in ganz Deutschland. Dafür setzte sich bis 1830 vor allem die bürgerliche Intelligenz namentlich der
Universitäten ein. Die Burschenschaften verkünden 1817 mit ihrem Wartburgfest den Ruf nach der Einheit Deutschlands, der auch ein großes Echo fand. Offene Aktionen wurden erst nach der Julirevolution von 1830 in Frankreich
initiiert. "Die Unruhen und Aufstände begannen in Deutschland Ende August und Anfang September 1830 gleichzeitig in verschiedenen Staaten, nahmen aber infolge der lokalen Besonderheiten einen unterschiedlichen Verlauf
und zeitigten auch sehr unterschiedliche Ergebnisse. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Ereignisse im Königreich Sachsen. Das seit 1815 durch den Minister Graf von Einsiedel ausgeübte Polizeiregime war für Bürger und
Bauern unerträglich geworden. Die Unruhen im Königreich Sachsen nahmen ihren Ausgang in Leipzig, wo ein zahlenmäßig starkes und selbstbewußtes
Bürgertum sowie Handwerksgesellen und Studenten lebten." (Deutsche Geschichte Bd. II, 1967, S. 170) Auch alle anderen großen Städte Sachsens wurden erfaßt und in den Weberdörfern der Oberlausitz forderten die Bauern
die Beseitigung der Frondienste. Die sächsische Regierung machte zunächst Zugeständnisse, da sich die Bürger in erster Linie mit Bittschriften an die Regierung wandten, darunter die der Bürger von Dresden-Neustadt. Sie wählten
7 Vorsprecher und stellten solche Forderungen wie neue Polizei, Stadtverfassung, Aufhebung des Mühlenzwanges, Einschränkung der städtischen Abgaben, Schutz der Zünfte und Innungen, Aufstellung einer Baukommission, städtische
Wasseranstalt, neues Brandkasseninstitut, Minderung der Abgaben auf Brot, Bier, Fleisch und Wein, Verfassung zugunsten aller Staatsbürger, Umgestaltung der Handels- und Warensteuer, weniger Münzsorten, Pressefreiheit. (vgl.
dazu Aus der Geschichte Sachsens 2, 1991, S. 36) Den späteren revolutionären Bestrebungen wird mit Militär geantwortet. So kam es zunächst zu gemäßigten Reformen, wie im September 1831 mit der Verkündung einer neuen
Verfassung, die das Königreich Sachsen zur konstitutionellen Monarchie werden läßt und Freiheiten erstmals verfassungsmäßig garantiert. Mit der Allgemeinen Städteordnung von 1832 erhielten die Städte eine weitgehende
Selbstverwaltung und mit dem Gesetz über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen wird die Befreiung der Bauern von den Feudallasten eingeleitet. Im Anhang unter Nr. 1 kann man nachlesen, daß diese Reform in Sachsen bereits in
den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts diskutiert wurde und auch beim Landesfürsten auf Resonanz stieß. Dabei sollten die Grundherren wie in Preußen von den Bauern entschädigt werden, allerdings in Sachsen besonders durch
Geld, damit der Landbesitz erhalten blieb. Auf den Erlaß der Armenordnung von 1840 werde ich später im regionalen Teil eingehen. In anderen deutschen Landesteilen vollzog sich ähnliche Reformen, was schließlich im Mai 1832
mit dem Hambacher Fest einen weiteren Höhepunkt vor Ausbruch der Revolution fand. Wichtig ist für uns wieder, was zu gleicher Zeit mit Sachsens Wirtschaft vollzog, da ein Zusammenhang zwischen Politik, Ökonomie und sozialen
Errungenschaften unstreitbar ist. Dem massenhaften Einsatz von Spinnmaschinen folgten nun in der ersten Phase der Industriellen Revolution die mechanischen Baumwollwebstühle. Auf metallurgischem Gebiet wechselte das
Blechwalzwerk das Aushämmern der Bleche von Hand bzw. die wassergetriebenen Hammerwerke ab, Maschinen übernahmen den Bau von Maschinen, wie wir es in Chemnitz verfolgen können. Bis 1830 können in Sachsen auch schon 22
Dampfmaschinen nachgewiesen werden und es entstanden wenigstens 191 Fabriken mit unterschiedlich hohem Vollkommenheitsgrad bis dahin. Der Historiker schreibt dazu: "Ausdruck der im Gange befindlichen Industrialisierung
war schließlich auch die Gründung des Industrievereins für das Königreich Sachsen. Fabrikunternehmer aus Annaberg, Bautzen, Chemnitz, Dresden, Glauchau, Leipzig, Mittweida, Oederan, Plauen, Pulsnitz, Rochlitz, Schneeberg,
Schwarzenberg und Zwickau schlossen sich 1829 zu einer Interessenvertretung zusammen, die bald erhebliche Bedeutung für die Entwicklung der sächsischen Wirtschaft gegenüber dem Ausland gewann. Schließlich wurden nach 1815 durch
die sächsische Regierung Förderungs- und Unterstützungsmaßnahmen eingeleitet. ... Insgesamt ist festzustellen, daß Sachsen neben der preußischen Rheinprovinz die Industrielle Revolution maßgebend mitbestimmte. (Groß, 1989, S.
304). Zu den vordergründigen Veränderungen dieser Zeit zählt dabei wohl die Entwicklung der sächsischen Bevölkerung:
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts: reichlich 2 Mio. Menschen
nach dem Wiener Kongreß 1815: knapp 1,2 Mio. Menschen
1830: 1,4 Mio. Menschen (nach Groß, 1989, S. 304)
Innerhalb von 15 Jahren entsprach das einem jährlichen Wachstum von 1,3%. Gegenüber der Masse der arbeitenden Bevölkerung stellte die neue Klasse der Fabrikarbeiter noch nicht die Mehrheit,
rekrutierte sich aber vornehmlich aus der einheimischen Einwohnerschaft. Alsbald dominierten auch hier beim entstehenden Textilproletariat nach englischem Vorbild Frauen- und Kinderarbeit, niedrige Löhne bei hoher Arbeitszeit,
schlechte Wohn- und Lebensbedingungen.
So war es nicht verwunderlich, daß nach der Besänftigung der demokratischen Kräfte in Sachsen mit dem Rauswurf von Einsiedels, bald mit weiteren Konfrontationen zu rechnen war und
sich mit der Stagnation von Reformen die politische Lage auch in ganz Mitteleuropa wieder verschärfte. Der von vielen Teilen des Bürgertums geforderten Gewährung liberaler Verfassungen trat die von Metternich geführte Reaktion
mit Überwachung des Vereinswesens und mit Unterdrückung der öffentlichen Meinung mit polizeistaatlichen Methoden entgegen. "Noch gesteigert wurde die politische Unruhe durch die wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die
sich zuspitzten. Hungersnöte, die im Zeitalter des frühindustriellen Pauperismus an der Tagesordnung waren, nahmen 1845-47 katastrophale Ausmaße an, nachdem schlechte Witterung und Kartoffelfäule die Ernten vernichtet und die
Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben hatten. In dieser bis zu äußersten gespannten Situation wirkte die Nachricht vom Umsturz in Paris wie ein zündender Funke. Die Revolution nahm ihren Lauf." (Berding, 1985, S. 6)
24.2.1848 der Volksaufstand in Paris, 15.3. der Sturz Metternichs in Wien und 18.3. Revolution in Berlin, die Ereignisse folgen Schlag auf Schlag. Der nach Leipzig entsandte sächsische Minister Albert von Carlowitz konnte
angesichts der erregten Volksmassen und der kampfeswilligen Stimmung in der bürgerlichen Opposition den König bewegen, am 13. März eine bürgerliche Regierung einzusetzen. Allerdings zeigte es sich bald, daß diese Vertreter des
Großbürgertums ihre eigenen familiären Verbindungen zum Adel und Gruppeninteressen sicherten und Aktivitäten der Volksmassen bremsten. (vgl. Zwahr, 1996, Abschnitt Vereinbarer und Bourgeoisrepublikaner 1848-1849, S. 109ff)
Angesichts von 60 000 Arbeitslosen in Sachsen im Frühjahr 1848 und dem Unmut der ländlichen Bevölkerung, die am 5. April das Waldenburger Schloß in Flammen aufgehen ließ, war das kein leichtes Unterfangen. Dennoch ebbten die
spontanen Volksbewegungen zunächst ab und wurden erst im Herbst durch Aktionen kleinbürgerlicher demokratischer Vereine und ersten mit Marx und Engels in Kontakt stehenden Arbeitervereinen wieder in Gang gesetzt. Es würde
über den Rahmen dieses Teils der vorliegenden Arbeit hinausgehen, die deutsche Revolution von 1848/49 weiterzuverfolgen. Dazu sind die Ereignisse zu komplex. Nicht unerwähnt soll jedoch der Maiaufstand in Dresden 1849 bleiben,
der trotz heldenhaften Kampfes der Aufständischen mit Mord und Totschlag, Gefangennahme und Zuchthaus, Mißhandlung und Demütigung an ihnen endet. Aufrechte Demokraten unter ihnen Gottfried Semper und Richard Wagner verließen
Dresden und gingen in die Emigration. Angesichts der erneut vertanen Chance, Deutschland zu einigen, urteilt Groß: "Die historisch längst überlebten deutschen Territorialstaaten blieben weitere zwei Jahrzehnte der
wichtigste staatliche Rahmen für den weiteren Siegeszug der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unter den hemmenden Bedingungen einer konterrevolutionären Adelsherrschaft." (Groß, 1989, S. 366) Obwohl der Adel in den
1850-er Jahren mit Hilfe des Polizeiregimes seine Macht aufrecht erhielt,
waren die ökonomischen Umwälzungen durch die weit fortgeschrittene kapitalistische Entwicklung nicht zu verhindern. Mit der Textilindustrie nahm der Maschinenbau und die Verwendung der Dampfkraft im Chemnitzer Gebiet einen enormen Aufschwung. Schon 1845 beschäftigte die Hartmannsche Maschinenfabrik 350 Arbeiter. Die erste deutsche Lokomotive, die "Saxonia", kam aus der Schubertschen Maschinenbau-Aktiengesellschaft in Übigau bei Dresden und er Bau von ersten Eisenbahnstrecken ist vor allem Friedrich List zu danken. Die Göltzschtal- und die Elstertalbrücke, die heute noch uneingeschränkt ihren Dienst tun, entstanden unter Schubert ebenfalls in dieser Zeit.
So konnte für Sachsen festgestellt werden, daß Mitte des 19. Jahrhunderts schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Industrie und Gewerbe lebten, wobei die Industrielle Revolution den Konkurrenzdruck verschärfte und
eine erhöhte soziale Unsicherheit mit sich brachte. Verarmte Handwerksmeister sanken ins Proletariat, Gesellen hatten kaum eine Chance zum Aufstieg, das Einkommen der meisten Arbeiter liegt unter dem Existenzminimum und für die
Mehrheit der kleinen Bauern und Häusler brachte die Ablösung Verarmung und Verschuldung und ebenfalls den Abstieg zur Klasse der Lohnarbeiter. Die Zahl der Unterstützungsbedürftigen wuchs ständig. Kein anderes deutsches Land
wuchs bevölkerungsmäßig durch Geburtenüberschuß und Zuwanderungen aus Preußen, Böhmen und Thüringen , bis 1871 auf 2,5 Mio. Einwohner, so an wie Sachsen. Die Städte platzten explosionsartig aus allen Nähten mit all den
dazugehörigen Vor- und Nachteilen. Chemnitz wurde zum "sächsischen Manchester". Mit diesem geschichtlichen Rahmen habe ich versucht, die drei Ebenen, die europäische, die nationale und die regionale, zu
charakterisieren, die mit ihren vielfältigen Ereignissen wesentlichen Einfluß auf unsere Geschichte und somit auch auf die sächsische Stadt Rochlitz haben mußte. Gerade bei den
kleinbürgerlichen und unterbürgerlichen Kräften sowie bei der ländlichen Bevölkerung war die Beteiligung an den Unruhen dieser Zeit immer mit einer sozialen Motivation verbunden, die auf die Verbesserung ihrer Lebenslage hinauslief. Auch in der Zeit des deutschen Kaiserreiches bleibt die soziale Frage auf der Tagesordnung.
 
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